Bis zum Morgengrauen


Ab halb zwölf in der Nacht wird es am Himmel über dem Stuttgarter Airport ruhig. Wenn die meisten Jets an Fluggastbrücken und auf Parkpositionen ausruhen, wird an anderer Stelle geschraubt, gecheckt und instand gesetzt.

Nachts am Airport

Es ist 22:30 Uhr. Während die letzten Passagiere in Maschinen steigen, fährt Pasquale Zimbardo Greco in seinem schwarz-gelben Auto über die Rollwege. Er ist Verkehrsleiter vom Dienst (VvD) und überwacht die Betriebsflächen des Flughafens bis zum Morgengrauen. „Viele denken, nachts sei am Airport nichts los. Aber weil der Flugbetrieb von sechs Uhr morgens bis 23:30 Uhr durchgängig läuft, müssen viele Arbeiten in der Zeit dazwischen erledigt werden“, sagt Zimbardo Greco. „Heute, ab halb zwei, bauen beispielsweise Techniker auf der Start- und Landebahn LED-Leuchten ein.“

Zuvor macht der VvD seine routinemäßige Kontrollfahrt. Er überprüft die Piste sowie die Rollbahnen und Vorfelder. Dabei schaut er unter anderem, ob der Belag und die Befeuerung in Ordnung sind. Wichtig ist außerdem, dass auf den Flächen keine Gegenstände liegen, die Flugzeuge beschädigen können. Immer im Blick hat Zimbardo Greco auch die Griffigkeit der Bahn. Gelegentlich können starker Regen oder Bremsspuren der Flugzeuge, im Winter Schnee und Eis die Runway rutschig machen. „Der Gummiabrieb wird vier bis fünf Mal pro Jahr entfernt. Weil bis Mitternacht ständig Verkehr ist, wird das nachts erledigt. Die Piste ist dann gesperrt“, erklärt er.

 

Reifenwechsel und Triebwerkscheck

Auf seiner Kontrollfahrt kommt Zimbardo Greco am Lufthansa-Technik-Hangar vorbei. Das grünliche Licht schimmert von außen durch die Tore der riesigen Halle. Drei Flugzeuge der Airbus-A320-Familie passen dort gleichzeitig hinein. „Nachts herrscht hier Hochbetrieb“, sagt der VvD. Die Techniker sind am Werk: Flugzeuge warten, reparieren oder regelmäßige Routinechecks durchführen. Was Piloten ins Bordbuch eingetragen haben, wird bearbeitet. „Heute haben wir drei Jets im Hangar. Bei einem Airbus tauschen wir das Hilfstriebwerk, die APU. Bei einem anderen wird die Elektronik im Cockpit und der Kabine gewartet und beim dritten stehen Checks sowie ein Reifenwechsel an“, erklärt Enrico Schulz, Wartungsleiter bei der Lufthansa Technik AG. Er ist in dieser Nacht Chef von 18 Luftverkehrstechnikern, die an den Flugzeugen arbeiten. „Wir haben pro Maschine ein Team, heute sind also drei Gruppen im Einsatz“, so Schulz. „Besonders anspruchsvoll ist, dass wir bis morgens fertig sein müssen. Denn die Flugzeuge werden wieder gebraucht.“ ‚Mittagspause‘ ist für alle in der Halle eine Stunde nach Mitternacht.

LEDs für die Landebahn

Zimbardo Greco ist derweil mit der ersten Kontrollfahrt fast fertig. Gerade will er zurück in sein Büro gehen, da erreicht ihn ein Funkspruch. „An einer Boeing 737 ist ein Schaden entstanden. Das schaue ich mir jetzt an“, sagt er. Ähnlich wie bei einem Unfall im öffentlichen Straßenverkehr dokumentiert der VvD den Vorfall.

Mittlerweile ist es kurz vor 1:30 Uhr. Vor wenigen Minuten ist die letzte Maschine mit Nachtluftpost gelandet. Während Briefe und Pakete ausgeladen werden, sperrt Zimbardo Greco die Piste. Für den Lampenwechsel muss sie komplett frei sein. Dass die Runway in diesem Zeitraum nicht benutzt werden kann, hat die Verkehrsleitung bereits Tage zuvor per Notice to Airmen (NOTAM) veröffentlicht. Dank dieser Meldung können alle Luftfahrer weltweit sehen, dass am baden-württembergischen Landesairport bis 5:30 Uhr kein Flieger ankommen darf. „Die Nachtflugbeschränkung in Stuttgart gilt von 23:30 bis 6:00 Uhr. Allerdings gibt es Ausnahmen, bei Notfällen etwa oder für Militärmaschinen. Wegen der Wartungsarbeiten geht heute aber gar nichts“, erklärt Zimbardo Greco.

Die Lichter der Runway sorgten bisher mit Halogentechnik für Orientierung bei den Piloten. Sie werden nun sukzessive durch energiesparende LEDs ersetzt. Auf der Start- und Landebahn und im Anflugbereich sind das über 1.500 Stück, insgesamt gibt es rund 5.000 am Airport. „Mit den neuen Leuchtmitteln sparen wir bis zu sechzig Prozent Energie, außerdem haben LEDs eine längere Lebensdauer“, sagt Uwe Schwantzer, der sich um die sogenannten Befeuerungsanlagen am Airport kümmert. Neben den Leuchten werden die rund 160 Kilometer Kabel erneuert, die unterirdisch verlegt sind. Aber auch, wenn die Technik nicht getauscht wird, sind regelmäßig Mitarbeiter nachts für die Lichter im Einsatz. „Der Gummiabrieb hinterlässt Schmutz an den Lampen. Damit sie immer hell genug leuchten, werden sie im Sommer einmal pro Monat und im Winter wöchentlich gereinigt“, so Zimbardo Greco.

4:00 Uhr. Die ersten Crews kommen bereits durch die Sicherheitskontrollen und ziehen ihre Rollkoffer in Richtung Operationsgebäude (OPS), wo sie ihre Flüge vorbesprechen. Auch im Frachtzentrum auf der Südseite brennt Licht, dort wird die Luftpost für den nächsten Morgen vorbereitet. Bevor Zimbardo Greco in den Feiermorgen geht, checkt er die kompletten Betriebsflächen noch einmal ausführlich bei einer abschließenden Kontrollfahrt. Besonders nimmt er die Einsatzstellen der neuen Leuchtmittel unter die Lupe. Dann gibt der VvD die Runway wieder für den Flugbetrieb frei. Um 6:00 Uhr kommt sein Kollege – Schichtwechsel. „Heute Nacht war wieder einiges los. Mir macht es jedes Mal aufs Neue Spaß, weil man nie genau weiß, was einen erwartet. Jetzt freue ich mich aber auf mein Bett“, sagt Zimbardo Greco und macht sich auf den Nachhauseweg.

Pasquale Zimbardo Greco passt am Airport auf, dass auch zu später Stunde alles rundläuft.
Schon gewusst…?

…, dass sich Passagiere über Nacht im öffentlichen Bereich des Terminals aufhalten können? Ein gültiges Ticket ist die Bedingung für eine nächtliche Anwesenheit am Airport.

Video: Nachts am Airport - Bis zum Morgengrauen

  • Fokus STR
  • Simon Kirchgessner
  • 09/17